Zu den Inhalten springen
16.02.2026

"Ein Meilenstein für Lipödem-Patientinnen" - Interview mit Prof. Dr. Max Meyer-Marcotty zur neuen G-BA-Entscheidung

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat im Juli 2025 beschlossen, die Liposuktion beim Lipödem zur Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen zu machen - und das für alle Stadien. Wir sprechen mit Prof. Dr. Max Meyer-Marcotty, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und Klinikdirektor am Klinikum Lüdenscheid, über die Bedeutung dieser Entscheidung, die Voraussetzungen für Patientinnen und die Folgen für die medizinische Versorgung.

Der G-BA hat die Liposuktion beim Lipödem zur Regelversorgung erklärt. Wie bewerten Sie diesen Beschluss?
Das ist ein historischer Schritt. Zum ersten Mal wird anerkannt, dass das Lipödem eine fortschreitende, schmerzhafte Erkrankung ist, die durch konservative Therapieformen alleine nicht ausreichend behandelbar ist. Die Entscheidung des G-BA bedeutet für viele Betroffene eine echte Entlastung - medizinisch, finanziell und emotional. Wir sprechen von mehreren Millionen Frauen in Deutschland, die bisher oft jahrelang um die Kostenübernahme kämpfen mussten.

Was ändert sich konkret für Patientinnen?
Der wichtigste Punkt ist: Die Liposuktion wird eine Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen für die Stadien I bis III. Das gab es bisher nicht. Vor dem Beschluss war die Operation lediglich im Stadium III unter engen Voraussetzungen erstattungsfähig. Jetzt werden auch Frauen in frühen Krankheitsstadien nicht mehr von einer wirksamen Behandlung ausgeschlossen. Das ist enorm, denn der Eingriff ist in den Frühphasen oft besonders effektiv.

Welche Voraussetzungen müssen für eine Kostenübernahme erfüllt sein?
Der G-BA hat klare Regeln aufgestellt. Dazu gehören:

  1. Mindestens sechs Monate konsequente konservative Therapie - also Kompression, Lymphdrainage, Sport und Hautpflege
  2. Diagnosestellung durch qualifizierte Fachärztinnen und Fachärzte, etwa aus den Bereichen Angiologie, Dermatologie oder physikalische und rehabilitative Medizin.
  3. Eine Trennung zwischen Diagnostik und operierendem Arzt, um unabhängige Entscheidungen zu gewährleisten.
  4. Ein stabiler Gewichtsverlauf über mehrere Monate.
  5. Eine qualifizierte Nachsorge, die der G-BA in einer eigenen Qualitätssicherungsrichtlinie genau definiert.
  6. Voraussetzung für die operative Zertifizierung durch den Medizinischen Dienst (MD) der Krankenkasse sind große Erfahrung in der Behandlung von Lipödempatienten, innovative, schonende Techniken und Geräte zur Liposuktion, zum Beispiel Wasserstrahl-assistierte Liposuktion.

    Die LIPLEG-Studie war ein zentrales Element für die Entscheidung. Welche Bedeutung hat sie?
    Die Zwischenergebnisse der LIPLEG-Studie waren eindeutig: Liposuktion erzielt klare Vorteile gegenüber einer rein konservativen Therapie, vor allem in Bezug auf Schmerzreduktion, Lebensqualität und Mobilität.

    Dass der G-BA diese wissenschaftlichen Erkenntnisse ernst nimmt und darauf basierend handelt, ist ein positives Zeichen für eine evidenzbasierte Gesundheitspolitik.

    Ab wann profitieren Patientinnen konkret von der neuen Regelung?
    Der Beschluss trat nach der rechtlichen Prüfung durch das Bundesministerium für Gesundheit im Januar 2026 in Kraft.

Was bedeutet das für die Versorgungssituation in Deutschland?
Wir erwarten kurzfristig eine deutlich höhere Nachfrage nach diagnostischen Terminen und nach Eingriffen. Gleichzeitig wird die Qualität hoch bleiben, weil der G-BA einen strengen Qualifikationsrahmen vorgegeben hat. Nur erfahrene Chirurginnen und Chirurgen dürfen Liposuktionen im Rahmen der Regelversorgung durchführen. Langfristig rechne ich damit, dass sich das Lipödem-Management in Deutschland komplett verändert: weniger Leidensdruck, weniger Fehldiagnosen, weniger Stigmatisierung - und deutlich mehr Lebensqualität.

Was raten Sie betroffenen Frauen jetzt?
Ich rate dazu, den eigenen Status professionell abklären zu lassen - am besten bei spezialisierten Fachzentren. Wer bereits konservative Therapie betreibt, sollte dies dokumentieren und fortsetzen.
Außerdem ist es sinnvoll, sich frühzeitig über qualifizierte Operateure zu informieren. Der Bedarf wird in den kommenden Monaten stark steigen.