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10.02.2021, Lüdenscheid

Impfstoff von AstraZeneca verstehen

Bisher haben wir in den Märkischen Kliniken die Impfstoffe des deutsch-amerikanischen Herstellers Biontech/Pfizer erhalten. Weil der neue Impfstoff von AstraZeneca momentan viele Fragen aufwirft, hat Prof. Dr. Dr. Thomas Uhlig, Leiter der Klinik für Anästhesie, Operative Intensivmedizin, Schmerztherapie und Rettungswesen am Klinikum Lüdenscheid, nachfolgend aktuelle Forschungsergebnisse zur Wirkung und Wirksamkeit des Impfstoffes von AstraZeneca zusammengestellt.

  • Keine Frage: Eine Impfung gegen SARS-CoV-19 soll nützen und nicht schaden. Bemerkenswert aber ist: Während bei der Anwendung der Wirkstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna vor allem darüber diskutiert wurde, ob diese Stoffe vielleicht schaden können, weil sie mit relativ neuen Konstruktionsplänen gebaut wurden, steht bei dem Impfstoff von AstraZeneca die Frage im Raum, ob dieser Impfstoff überhaupt wirkt. In beiden Fällen lässt sich sagen: Die Impfstoffe schaden nicht, sondern schützen.
  • Aber wie ist das bei AstraZeneca nun konkret? Soll ich mich tatsächlich damit impfen lassen, wenn ich weiß, dass ich diesen Impfstoff bekomme und keine Chance auf den Erhalt eines anderen Impfstoffes habe?
  • Die Antwort auf diese Fragen ist auch einfach, wenn man rein wissenschaftlich antwortet: Natürlich ist es sinnvoll, sich auch mit dem Stoff von AstraZeneca impfen zu lassen.
  • Jedoch: Was ist dann mit all den Berichten, die sagen, dass es vielleicht doch nicht so ist. Vielleicht stimmt das ja alles gar nicht, weil bei der Zulassung geschlampt wurde. Oder vielleicht wirkt der Stoff ja auch nicht bei allen. Auch darauf gibt es Antworten, die sehr viel mit Wissenschaft und Statistik zu tun haben. Diese Antworten sind dann etwas komplizierter und lösen manchmal Verunsicherung aus.
  • Vielleicht hilft aber ein kleiner Crash-Kurs in Statistik, um die Zusammenhänge besser zu verstehen:
  1. Angenommen, jeder von uns würde Interesse daran haben, bei der Europäischen Arzneimittelbehörde einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 zu beantragen. Dann müsste jeder von uns ziemlich viele Unterlagen einreichen, die zeigen, dass der Impfstoff in verschiedenen Altersgruppen, bei unterschiedlichen Geschlechtern und Menschen mit und ohne Vorerkrankungen wirkt.
  2. Da entsteht dann eine große Tabelle, die auf den ersten Blick zunächst einmal einfach aussieht; zumal wenn sich in den Hotspots dieser Welt genügend Menschen finden, die in den Impfstudien getestet werden können.
  3. Wenn es aber dann so ist, dass alles auch noch schnell erledigt werden soll, damit der Impfstoff rasch zugelassen werden kann, dann kann es natürlich passieren, dass in der Tabelle eine Zelle nicht so gut besetzt ist wie andere Zellen.
  4. Oder, um es etwas zu vereinfachen:
    Wenn man an einem großen Apfelbaum mit vielen reifen Äpfeln einmal kräftig rüttelt, dann fallen viele Äpfel verschiedener Größe zu Boden. Die Zulassungsbehörde für Impfstoffe sagt dann: "Damit du als Apfelzüchter zugelassen wirst, liefere mir bitte zehn volle Kisten mit Äpfeln. In jeder Kiste dürfen sich die Äpfel in der Größe nicht voneinander unterscheiden, und ich sage dir vorher ganz genau welche Äpfel in welche Kiste gehören. Da ist es dann letztendlich Pech, wenn es am Ende des Tages eine Kiste gibt, in der vielleicht ein Apfel fehlt.
    Wenn ich nun Zeit hätte, noch einmal den Baum zu schütteln, käme vielleicht das gewünschte Ergebnis heraus. Diese Zeit habe ich aber nicht und lege einfach einen einzigen kleineren Apfel in die Kiste mit den größeren Äpfeln. Es sind ja alles schließlich alles wunderschöne reife Äpfel. Das merkt aber die statistische Analyse sofort und die Zulassungsbehörde für Impfstoffe sagt: "Zweifelsohne sind alle deine Äpfel schön und reif, nur bei den großen Äpfeln hapert es. Deswegen darfst du die nicht verkaufen."
    Aber ohne Zweifel: Es sind alles wunderschöne reife Äpfel. Mit anderen Worten: Der AstraZeneca Impfstoff wird wohl auch bei älteren Menschen wirken. Die Statistik hat das aber nicht nachgewiesen, weshalb die Zulassungsbehörde Einspruch erhoben hat.
  • In eine andere Richtung geht die Frage nach der Wirksamkeit des Impfstoffes bei sogenannten Mutanten von SARS-CoV-2. Hier sind die m-RNA Stoffe von Biontech/Pfizer und Moderna in einer ziemlich guten Ausgangsposition, weil diese Impfstoffe relativ schnell so verändert werden können, dass auch bei neuen Virusformen eine Wirksamkeit erzielt wird.
    Beim Impfstoff von AstraZeneca ist das etwas schwieriger. Dieser Impfstoff ist ein sogenannter Vektorimpfstoff. Das heißt nichts anderes, als dass das Erbmaterial von SARS-CoV-2 in einen anderen Virus hinein gesteckt und dann verimpft wird. Bei dem Imfstoff von AstraZeneca wird ein Erkältungsvirus  als Träger verwendet, welches bei Schimpansen eine Erkältung auslöst für den Menschen allerdings vollkommen ungefährlich ist. Letzendlich ist der Vektorimstoff von AstraZeneca ein genetisch veränderter und in einem anderen Virus versteckter DNA-Impfstoff.
  • Aufgrund anderer Herstellungsprozesse sind Vektorimpfstoffe etwas schwerer zu verändern als m-RNA Impfstoffe. Aktuell sieht es weltweit aber so aus, dass die Wirkung des AstraZeneca Impfstoffes bei der sogenannten englischen Mutante von SARS-CoV-2 ziemlich gut ist. Bezogen auf die südafrikanische Variante gibt es widersprüchliche Daten; allerdings ist diese Variante in unserem Land Augenblick sehr selten anzutreffen. Also bleibt als Fazit: Im Augenblick steht man auch bei einer Impfung mit AstraZeneca auf einer ziemlich sicheren Seite.
  • Auf jeden Fall ist es so, dass auch der Impfstoff von AstraZeneca zweimal gegeben werden muss. Der Abstand zu den anderen Impfstoffen ist mit etwa neun statt drei Wochen allerdings länger.
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