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10.11.2016, Lüdenscheid

Die Angst vor dem (n) Fremden aus Sicht der Psychoanalyse

Mit der großen Zahl von Flüchtlingen, die in Deutschland Schutz suchen, wächst offenbar  "Die Angst vor dem (n) Fremden" in der Gesellschaft. Über Ursachen zum Phänomen Fremdenangst und Fremdenhass berichtete Dr. Gerhard Hildenbrand, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und  Psychotherapie am Klinikum Lüdenscheid, in einem spannenden Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe Lüdenscheider Forum Seele & Körper und lieferte Antworten aus Sicht der Psychoanalyse.
Mit vier  Veranstaltungen pro Jahr bietet das Lüdenscheider Forum Seele & Körper einem interessierten Publikum Informationen zu den vielfältigen Themen der Psychosomatischen Medizin, Psychotherapie und Psychoanalyse. Die Vorträge erklären spezielle leib-seelische Zusammenhänge, Wechselwirkungen und Störungen und informieren über Möglichkeiten der Vorbeugung und Behandlung, befassen sich aber auch mit kulturkritischen, sozialwissenschaftlichen und philosophischen Themen.
 "Wenn Fremde eher als Bedrohung denn als Bereicherung erlebt werden, weist dies darauf hin, dass die Fremden das Unbekannte, Unheimliche in uns - unser Unbewusstes -  ansprechen, das uns ängstigt und zur Abwehr herausfordert", so Dr. Hildenbrand. Was gern übersehen wird: Etwa ein Fünftel aller Menschen in Deutschland hat - bezogen auf drei Generationen - einen Migrationshintergrund. Die Fremdenangst in Deutschland scheint aber erst seit dem Herbst letzten Jahres überdimensional gewachsen zu sein.
Flüchtlingsbewegungen konfrontierten die Europäer mit Verfehlungen aus der Vergangenheit, beispielsweise die Ausbeutung an Rohstoffen in Dritte-Welt-Ländern, so Hildenbrand, daraus entstünden unbewusste Schuld-und Schamgefühle, die abgewehrt werden müssten. Eine weitere Ursache für Fremdenangst:  Die Beschleunigung und die Verkomplizierung des Lebens angesichts von Globalisierung und moderner Technologie. All das führe zu einer angstauslösenden Unüberschaubarkeit der Welt, so der Referent. Auch diese Angst werde den Fremden unbewusst angelastet. Die Menschen seien dann geneigt,  das Unüberschaubare,  Ungeliebte, nicht Akzeptierte, das, was sie alltäglich ängstigt, auf die fremden Menschen zu projizieren. Vielseitige Fantasien der Bedrohung würden so genährt.
Eine wichtige Erkenntnis aus dem Vortrag:  Die Angst vor Fremdheit hat viel mehr mit dem Eigenen zu tun als angenommen. Das Fremde weist auf das Eigene zurück: Auf die eigenen (Normalitäts-)Erwartungen, Ängste und Vorurteile sowie auf die eigenen Werteordnungen.
Die Flüchtlinge bringen also das Fremde in unser Leben, aber war das Fremde nicht schon immer da? Ja, die "Aneignung des Fremden" beginne bereits nach der Geburt, so Hildenbrand. Menschen, die "Nicht-Mutter" und "Nicht-Vater", also keine primären Bezugspersonen sind, erlebt das Kind zunächst als fremd, lernt aber schnell, Bindungen und Vertrauen aufzubauen. Jeder weitere Entwicklungsschritt  erfordert eine Ablösung von vertrauten Menschen, aber auch einen Schritt in die Selbstständigkeit und "Freiheit".
Liebevolle und vertrauensvolle Bindungen fördern so die Entwicklung von Selbstwertgefühl, Empathie und Solidarität.  Menschen, die sich in ihrem sozialen Umfeld geborgen und akzeptiert fühlten, ist es folglich möglich,  auch zu ihren eigenen Schattenseiten zu stehen. Sie verfügen über die Sicherheit, dass man miteinander Herausforderungen und Veränderungen bewältigen könne. Aus dieser Sicherheit heraus könne man nicht nur ängstlich, sondern auch neugierig auf das Fremde und die Fremden zugehen. Misslinge aber dieser lebensgeschichtlich frühe Dialog mit den primären Bezugspersonen, so kann sich der Mensch zur einem Ich-bezogenen Menschen, einem Narzissten, entwickeln. Statt Selbstachtung entstehe Scham und aus deren Abwehr Fremdenfeindlichkeit, so die Erklärungen von Dr. Hildenbrand.
Doch wie kann man es schaffen, eine  aufkeimende Fremdenangst bei sich selbst zu überwinden? Vielleicht, indem man über die möglichen Quellen der Angst und des Hasses bei sich selbst reflektiert - aber auch die Quellen der Freude,  der Sehnsucht nach Verbundenheit wahrnimmt. Darüber nachdenken, ob man nicht auch Eigenes auf die Fremden projiziert, zum Beispiel Neid. Oder vielleicht einfach mal auf Fremde zugehen, so dass sie als einzelne Menschen mit einem individuellen Schicksal  erlebbar werden. Denn: Wir hassen das, was wir wenig kennen und verstehen. (S. Freud 1915 Zeitgemäßes über Krieg und Tod.

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