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29.03.2021, Lüdenscheid

Pandemiemüdigkeit – oder Burnout der Handelnden im Gesundheitswesen?

Immer mehr reden wir von "Pandemiemüdigkeit", wir sind erschöpft, müde, wütend - "mütend". Vor allem Mitarbeiter im Gesundheitswesen arbeiten nun seit über einem Jahr an ihren physischen und psychischen Belastungsgrenzen. Was hilft, unsere seelische Gesundheit zu erhalten und vor allem die Solidarität nicht zu vergessen? Dr. Gerhard Hildenbrand, Klinikdirektor Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Lüdenscheid, liefert wertvolle Hinweise und Überlegungen zur "Pandemiemüdigkeit". Er ist sich sicher: Solidarität zu erhalten, ist nun eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe zur Überwindung der Pandemie. 

Immer häufiger wird in den Medien vor einer Pandemiemüdigkeit in der Gesellschaft gewarnt, die die Akzeptanz von Einschränkungen zum Gesundheitsschutz gefährdet. Ein „mütendes“ Gefühl (eine Wortneuschöpfung aus müde und wütend) beschreibt dabei eine kräftezehrende angespannte Erschöpfung, die vernünftiges Handeln erschwert und die gerade jetzt so dringend benötigte Solidarisierung behindern könnte. Solidarität mit den Bedürftigen war und ist für die Handelnden im Gesundheitswesen eine stark motivierende Kraft. Endlich stand eine „soziale Medizin“ wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit und Wertschätzung. 

Der Begriff Solidarität schaffte auch eine ethisch-politische Begründung für ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitarbeiter im Gesundheitswesen nach einer für sie immer belastender werdenden Epoche der Ökonomisierung des Systems mit neoliberal geprägten Rentabilitätsvorgaben. Solidarität ist aber keine Einbahnstraße. Solidarität in der Gesellschaft zum Schutz der Gesundheit umfasst auch den Arbeitsschutz für die Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Dieser hat einen ausreichenden Gesundheitsschutz gegenüber den Gefahren durch das Corona-Virus SARS-CoV-2 ebenso zu berücksichtigen, wie den wirksamen Schutz vor einem Burnout der Mitarbeiter in Pflege, ärztlichem oder Funktionsdienst durch übermäßige Belastungen, insbesondere bei chronischem Personalmangel. 

Zahlreiche Studien belegen inzwischen die kurz- und langfristigen beruflichen Auswirkungen des SARS-CoV2-Ausbruchs. Besonders beim Pflegepersonal finden sich akute Belastungsstörungen, wie z.B. ein hohes wahrgenommenes Stressniveau, Müdigkeit, Schlafstörungen, Sorgen um die Gesundheit und Ängste vor sozialen Kontakten.  

Hinzu kommen private Belastungsfolgen wie die Angst vor Stigmatisierung, Auswirkungen auf die Familie, Home-Schooling, Sorge wegen des Risikos einer Ansteckung von Familie und Freunden. Mitarbeiter*Innen, die unmittelbare Behandlungserfahrungen mit infizierten Patienten*innen hatten und in einem Hochrisikobereich arbeiten, leiden häufiger unter Schlafstörungen, Vermeidungsverhalten, Hyperarousal und Intrusionen. Aber auch Quarantäne bleibt nicht ohne Folgen - je länger die Quarantäne, umso mehr finden sich emotionale Erschöpfung, Ärger und Vermeidungsverhalten. Weitere Prädiktoren für psychische Morbidität sind: weibliches Geschlecht, jüngeres Lebensalter, schlechte selbsteingeschätzte körperliche Gesundheit, begleitende chronische Erkrankungen, Vorgeschichte psychischer Erkrankungen, hohes Maß an arbeitsbedingtem Stress und unzureichende Unterstützung in den Bereichen Beratung und psychologische Unterstützung durch den Arbeitgeber sowie Versicherung und Entschädigung.  

Dem gegenüber stehen schützende Faktoren, die die seelische Gesundheit der Mitarbeiter erhalten können und Resilienz begründen. So kommen Menschen mit der Bereitschaft sich zu engagieren, mit der Überzeugung Einfluss und Kontrolle über das Geschehende zu haben, mit der Fähigkeit Veränderungen als Herausforderung einzustufen, besser durch die Krise. Hilfreich ist außerdem eine positive Einstellung zum Arbeitsplatz und eine altruistische Akzeptanz, d.h. das Gefühl, etwas Wichtiges für andere tun zu können, gebraucht zu werden.  

Die Unterstützung durch Andere (klare Anweisungen, Unterstützung durch Kolleg*innen und Vorgesetzte, die Möglichkeit für Feedback, Unterstützung durch die Familie, die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen, Religion, höheres Maß an organisatorischer Unterstützung, Vitalität und Vertrauen in Ausrüstungs-/Infektionskontrollinitiativen) sowie ausreichende logistische Unterstützung, können der Pandemiemüdigkeit entgegenwirken. Eine besondere Kraftquelle können Teams und auch Vorgesetzte sein. Ein Gefühl der Kameradschaft, die wechselseitige Anerkennung der Leistungen, Sichtbarkeit und Präsenz der Führung, sinnvolle Anerkennung derjenigen Mitarbeiter*innen, die direkte Arbeit am Patienten leisten, sind Beiträge zur Erhaltung von Gesundheit, Arbeitskraft und Motivation.

Diese schützenden Faktoren sollten wir uns immer wieder zu eigen machen und im Umgang mit unseren Kolleg*Innen darauf achten. Denn nichts wäre fataler, als wenn zu der Pandemiemüdigkeit auch noch Burnout und Entsolidarisierung hinzukämen. Solidarität im Gesundheitsbereich steht primär als Leitmotiv für Verbundenheit und Hilfsbereitschaft des für seine Aufgaben hochmotivierten Personals der Gesundheits- und Pflegedienste mit hilfesuchenden Menschen. Das zu erhalten, ist nun eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe zur Überwindung der Pandemie. 

Zum Schluss noch ein kleiner sozialphilosophischer Exkurs: 

Die lange Dauer der Pandemie und der mit ihr verbundenen Restriktionen führt, wie es ein zeitgenössischer Philosoph bezeichnete, zur Ermüdung der sozialen Energie (Rosa H 2020) 

Viele berichten, ihnen fehle die Energie. Sie fühlen sich, als überziehe eine Art Mehltau ihre Wahrnehmungen. Sie sind auf eine unbestimmte Weise müde und träge. Sie haben den Eindruck, nicht mehr zu schaffen, was sie eigentlich schaffen müssten oder was sie gern tun würden. Hier geht es nicht nur, wie zuvor angesprochen, um etwas Individuelles oder nur in der persönlichen Erfahrung Liegendes. Das Phänomen ist zweifellos auch sozial, dieser Mehltau überzieht ja die Gesellschaft insgesamt. 

Es scheint, dass gerade die Stillstellung der Welt durch Corona uns vor Augen führt, auf welche Weise unsere hochmobile Gesellschaft energiegeladen war. Fast alle waren permanent unterwegs, beruflich, privat, im Urlaub. Der Energieumsatz unseres „Weltverhältnisses“ war schon allein deshalb gigantisch. Wenn viele jetzt das Gefühl haben, durch die tendenzielle Isolation ihre Energie verloren zu haben, dann bestätigt das nur die Vermutung, dass die Quelle, welche die Bewegungsenergie der Moderne erzeugt, nicht in den Individuen liegt, sondern in den sozialen Wechselwirkungen zu suchen ist. 

Unser Bewegungshorizont ist geschrumpft, wir kreisen konzentrisch um unsere Wohnorte, oft sogar zu Fuß oder auf dem Rad, in einer Mischung aus Angst und Misstrauen. Und ebenso wie unser Raumverhältnis ist auch das Verhältnis zur Zeit an sich ein anderes geworden: Ein Tag ist derzeit wie der andere, die Monate haben keine Struktur und keine Richtung mehr, es gibt weder einen planbaren Urlaub noch eine planbare Zukunft und im Grunde ist die Zeit zu einer amorphen Masse geworden, in der auch die Gleichgültigkeit sich aufdrängt. Ausgerechnet diese gedämpfte Corona-Erfahrung raubt vielen offenbar die Energie.   

Die Gesellschaft hat einerseits eine politische Selbstwirksamkeitserfahrung gemacht, besonders die sogenannten systemrelevanten Gruppen. Anders die große Mehrheit der Menschen: Die Kurven haben sie vor allem durch individuelles Unterlassen gesenkt. Wir haben kaum gespürt, dass wir durch Interaktionen, durch gemeinsames Handeln, durch soziale Wechselbeziehungen, durch Bewegung und Tätigkeit neue soziale Energie erzeugen. Das abendliche Klatschen und das Maskennähen reicht dafür nicht. Ebendies mag in Corona-Zeiten so ermüdend wirken. Und es stellt uns vor die Frage, wie eine Gesellschaft ihre soziale Energie erzeugt. 

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